Wenn das Auto nicht nach Polen will

Katowice

Kann sich ein Auto aktiv gegen eine Fahrt in ein anderes Land wehren? Ich sage ja! Als wir mit unserem Anbieter für Lost Places-Touren ab Berlin nach Polen fahren wollten, hatte der Neuwagen eindeutig ein Problem mit unserem Ziel. Denn er hat sich hartnäckig gegen die Grenzüberschreitung gewehrt.

Polen – Anreise mit Hürden

Der geplante Ablauf

Nach einiger Recherche haben wir bei Urbexplorer in Berlin eine 2-tägige Lost Places-Tour nach Katowice in Polen gebucht. Die Bilder der geplanten Locations sahen sehr vielversprechend aus. Besonders auf das sogenannte Märchenschloss am ersten Tag habe ich mich sehr gefreut.

Für den Anreisetag war alles schön geplant: am frühen Morgen Transfer nach Katowice, ab 11:00 Uhr Fotografieren im Märchenschloss und nach der Mittagspause Weiterfahrt zum zweiten Lost Place – einem ehemaligen Zinkwalzwerk.

So die Theorie!

Das Auto hatte andere Pläne

Unauffälliger Start

Am Morgen trafen wir uns um 5:00 Uhr mit unserer polnischen Fahrerin Aneta und beluden den Fiat Ducato. Wir waren insgesamt zu fünft: Aneta, Michael, ich und noch zwei andere Lost Place-Begeisterte.

Aneta berichtete stolz, dass der Wagen erst eine Woche alt sei und gerade einmal 1000km auf dem Zähler hätte. Was soll mit so einem jungfräulichen Auto schon passieren?

Einladen vor der Abfahrt

Panne Nr. 1

Ich hatte es mir mit meinem Nackenhörnchen bequem gemacht und nahm das komische Geräusch überhaupt nicht wahr. Erst als alle um mich herum plötzlich zum Leben erwachten, bemerkte ich das hohle Gegurgel des Motors.

Wow, wir hatten ganze 42km zurückgelegt!

Aneta quälte den kraftlosen Wagen die nächste Ausfahrt raus und stoppte an einem Feldweg. Alle standen um den offenen Motorraum herum und teilten ihre Weisheiten. Ich schaute mir das Ganze aus der Ferne an… schließlich hätte ich nur meine Ahnungslosigkeit beisteuern können.

All die Theorien brachten keine wirklichen Erkenntnisse und die Taschenlampen keine hilfreiche Erleuchtung. Eine kurze Teststrecke endete mit dem selben Problem in der Einfahrt einer Sackgasse.

45 Minuten

Aneta rief in Italien bei Fiat an und verlangte den Pannendienst. „45 Minuten“ so die Aussage aus dem warmen Italien. Wir saßen derweil bei 1°C mitten im Nirgendwo. Vor uns am Ende der Sackgasse eine Ansiedelung mit ein paar wenigen Häusern.

Keiner sagte etwas, als die 45 Minuten vorbei waren, obwohl es im Wagen inzwischen verdammt kalt war (eine Standheizung wäre toll gewesen, war zu dem Zeitpunkt aber noch in Planung).

Nach weiteren 30 Minuten rief Aneta erneut in Italien an. Ja, man wisse von unserem Problem und in 45 Minuten würde uns geholfen werden. Echt jetzt? In 45 Minuten… habe ich ein Déjà-vu oder so?

Hilfsbereite Anwohner

Einer unserer Mitreisenden vertrat sich die Beine und unterhielt sich mit einem der Bewohner am Ende der Sackgasse. Und es gibt sie wirklich noch: hilfsbereite Menschen. Man schloss eine Ferienwohnung für uns auf, damit wir uns aufwärmen und auf Toilette gehen konnten. Auf diesem Weg noch einmal vielen Dank!

Endlich… der Pannendienst

Dann war er endlich da, der nette junge Mann vom Pannendienst. Ein Schlauch sei wegen einer kostengünstigen Klemmschelle abgerissen und wir müssten in die Werkstatt… !

Pannendienst

Keine Ahnung, wer ihn überzeugt hat, aber er flickte das Problem schließlich mit einem überdimensionierten Kabelbinder und ließ uns weiterfahren. Er machte uns aber wenig Hoffnung.

Wir blieben optimistisch und ignorierten die Warnung. Schließlich hatten wir einen Zeitplan einzuhalten. Ohne den langen Stopp an der Tankstelle hinter der Grenze würden wir es noch zum Märchenschloss schaffen.

Panne Nr. 2

Es passierte etwa 10km vor der polnischen Grenze, als wir gerade an einem Wagen der Autobahnpolizei vorbeifuhren: PLOPP!

Jetzt alles schön nach Vorschrift

Ein Stöhnen ging durch den Wagen, während Aneta sofort die Warnblickanlage anmachte und den Seitenstreifen ansteuerte. Der kurze Blick nach hinten bestätigte meine Vermutung: die Polizei fuhr sofort mit Blaulicht hinter uns her.

Also jetzt alles schön nach Vorschrift: raus aus dem Auto und ab hinter die Leitplanke. Währenddessen schnappte sich Aneta das Warndreieck und sprintete damit los.

Was war passiert?

Der provisorische Kabelbinder hatte sich gelöst und der Schlauch war wieder abgerissen. Einer der Polizisten half uns, den Kabelbinder wieder zu öffnen und wir konnten den Schlauch erneut fixieren.

Nach dieser Operation war das nächste Ziel klar: die Tankstelle direkt hinter der Grenze, in der wir uns eine neue, vernünftige Schelle besorgen konnten.

Panne Nr. 3

Die Polizeistreife fuhr kurz hinter uns her und überholte dann. Kaum waren sie vorbei… PLOPP… etwa 7km vor der Grenze.

Jetzt auch noch die Servolenkung…

Das Auto wehrte sich wirklich nach Kräften, um die Grenzüberfahrt zu vermeiden! Denn diesmal hatten wir noch ein anderes Problem: die Servolenkung funktionierte nicht mehr!

Die Ausfahrt zu einem Parkplatz war nah, doch die zierliche Aneta hatte sichtlich mit der Lenkung zu kämpfen. Michael half daher beim Kurbeln und gemeinsam steuerten sie eine Parkbucht an.

45 Minuten… wer hätte es gedacht…

Schon vor Anetas Anruf in Italien scherzen wir: „Der Pannendienst kommt in 45 Minuten“. Und tatsächlich kam wieder die nervige Standardaussage.

Das Märchenschloss um 11:00 Uhr hatten wir inzwischen alle stillschweigend abgehakt.

Fahrt im Abschlepper

Überraschenderweise kam der Pannendienst schon nach 25 Minuten. Zu Anetas Leidwesen war es allerdings ein waschechter Sachse. Anetas Deutsch war echt gut, aber an seiner Version der deutschen Sprache ist sie verzweifelt.

Mit notdürftigem Flicken wollte sich der Herr nicht aufhalten. Diesmal war Abschleppen angesagt.

Abschleppdienst

Die Werkstatt in Cottbus

Man machte uns keine Hoffnung wegen eines Ersatzwagens. Stattdessen sollte sich die Werkstatt das Problem einmal ansehen. Wir belagerten solange die Kaffeemaschine des Autohauses.

Ich habe nicht mehr auf die Uhr geschaut, inzwischen war es ohnehin egal. Denn selbst der Besuch des zweiten Lost Places war inzwischen mehr als unwahrscheinlich. Aneta ließ uns daher entscheiden, ob wir zurück nach Berlin oder weiter nach Katowice fahren wollten. Für alle war klar: das Ziel ist Katowice.

Die Diagnose

Nach einer gefühlten Ewigkeit erhielten wir die Diagnose aus der Werkstatt: als der Schlauch das 3. Mal abgerissen war, hatte er den Stecker der Servolenkung zertrümmert.

Man könnte dem Wagen wirklich unterstellen, dass er nicht nach Polen will. Der Schlauch hätte den Stecker schließlich auch nur abschlagen können. Aber nein, der Wagen geht lieber auf Nummer sicher und zertrümmert ihn!

Aber die Werkstatt war kreativ und hat die Überreste des Steckers irgendwie sicher fixiert. Auch die neue Schelle sollte jetzt halten.

Wir konnten tatsächlich weiter!

Endlich in Polen

Als wir endlich die Grenze überquerten, machten Michael und ich eine Laola-Welle im Wagen. Unsere scherzhaften Lästereien, dass nach dem Schlauch und der Servolenkung jetzt wahrscheinlich die Bremse an der Reihe wäre, quittierte Aneta mit einem bestimmten: „Könnt ihr bitte still sein!“

Auf der Autobahn in Polen
Noch 93km bis Katowice. Es war bereits 16:30 Uhr.

Am Abend in Katowice

Pünktlich zum theoretischen Ende der zweiten Lost Place Location erreichten wir das Hotel in Katowice. Tja, soviel zum Programm des ersten Tages.

Für die 500km hatten wir satte 13 Stunden gebraucht!

Sonnenuntergang in Hausfassade
Pünktlich zum Sonnenuntergang im Hotel Katowice.

Da wir eigentlich zum Fotografieren nach Polen gekommen waren, schnappten wir unsere Handys und erkundeten die Innenstadt.

Schlesisches Theater Katowice
Schlesisches Theater Katowice
Einkaufszentrum Katowice
Einkaufszentrum Katowice
Eingang zu einem Lost Place?
Und letztendlich fanden wir sogar noch einen Lost Place in einer Seitenstraße. Ja, das Handy hat nicht gerade brillante Bilder gemacht…

Für das Abendessen hatte uns Aneta das „Sphinx“ neben dem Hotel empfohlen. In dem Steak- und Burgerhaus hatte ich den vermutlich besten Burger meines Lebens (den Burger Tennessee). Dazu leckeres, dunkles Bier und der Tag war gerettet.

Fazit

Aneta war eine tolle Fahrerin. Ihr Fahrstil war sehr angenehm und sie steuerte den großen Ducato, als wäre sie mit einem Smart unterwegs. Vor ihren Einparkkünsten zogen sogar die Männer den Hut.

Nach der Rückfahrt nach Berlin bedankte sich Aneta, dass wir so eine coole und geduldige Truppe waren. Andere hätten ihr wegen des Dramas die Hölle heiß gemacht. Aber wozu? Wem hätte das denn geholfen? Jetzt kann ich wenigstens behaupten, schon einmal in einem Abschlepper mitgefahren zu sein 😉

Das Programm des ersten Tages wurde uns zurückerstattet. Für den zickigen Neuwagen kann niemand etwas (außer vielleicht Fiat wegen dieser Billig-Schelle). Aber der Rest des Kurztrips war toll und die Fotolocations waren super.

 


Dieser Artikel enthält keine bezahlte Werbung und es bestanden keine Kooperationen. Es handelt sich um einen Erfahrungsbericht, der auf meiner eigenen, ehrlichen Meinung beruht.


 

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