Nahbereichsfotografie – Teil 1 Fotoequipment

Nahbereich Fotoequipment

Bei einem Workshop haben wir uns unter professioneller Anleitung in die Nahbereichsfotografie von Schmetterlingen und heimischen Orchideen einweisen lassen. Moment… heimische Orchideen? Ja, richtig gelesen. Hier möchte ich dir Tipps und Tricks für tolle Fotos im Nahbereich weitergeben, die du natürlich auch auf andere Motive übertragen kannst.

Fotografie von Orchideen und Insekten

Problemstellung bei der Fotografie

Orchideen

Ein großer Teil unserer heimischen Orchideenarten steht mittlerweile unter Naturschutz. Daher ist ihr Vorkommen vor allem auf Naturlehrpfade oder Naturschutzgebiete beschränkt. Dort herrscht in den meisten Fällen „Wegegebot“, d.h. ein Verlassen der Wege ist nicht erlaubt. Doch wie kommt man trotzdem an schöne Pflanzenporträts?

ocks-Riemenzunge vor Sonnenaufgang

Schmetterlinge und andere Insekten

Ein anderes Problem stellt sich bei Insekten, vor allem bei Schmetterlingen. Wenn sie sich endlich einmal für wenige Augenblicke auf eine Blüte gesetzt haben, verhindert ihre Fluchtdistanz oft tolle Bilder. Und es ist hoffnungslos, sie im Flug erwischen zu wollen. Wie kommt man dennoch an schöne und vielleicht sogar formatfüllende Bilder?

Libellen-Schmetterlingshaft

Das richtige Equipment

Wer eine entsprechende Fototour plant, sollte sich über ein paar Dinge Gedanken machen:

    • was für eine Kamera sollte man verwenden

 

    • welche Objektive sind geeignet

 

  • wie sieht es mit Stativ, Fernauslöser und anderen Hilfsmitteln aus

Welche Kamera für die Nahbereichsfotografie

Die Frage nach der Kamera spielt keine allzu große Rolle. Da muss es sich nicht um das neueste, teuerste und schnellste Model handeln. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Orchideen bei Annäherung mit Flucht reagieren und bei den Insekten gibt es auch Wege, um das zu vermeiden. Hier geht es eher darum, ob man seine Kamera intuitiv bedienen kann und ob sie eine gute Verarbeitungsqualität bietet.

Ebenfalls nicht so wichtig ist die Anzahl der Megapixel. Bildkomposition und Bildaufbau spielen eine viel entscheidendere Rolle. Denn dadurch braucht es ggf. nur noch einen geringen Bildbeschnitt und es gehen dabei nicht mehr Pixel verloren als unbedingt notwendig.

Vollformat oder Crop?

Was versteht man unter Vollformat und Crop? Das bezieht sich auf die Größe des Kamerasensors. Ein sogenannter Vollformatsensor entspricht dem früheren Kleinbild, also der Größe von Negativen in der analogen Fotografie: 36 x 24mm.

Ist der Sensor kleiner, ergibt sich aus dem Verhältnis zu einem Vollformatsensor der Crop-Faktor. Diesen muss man mit der Brennweite eines Objektiv multiplizieren, um die tatsächliche Brennweite an der Crop-Kamera zu erhalten.

 


Beispiel:

Michael verwendet an seiner Vollformat-Kamera ein Teleobjektiv mit 200mm.

Ich hingegen habe eine Crop-Kamera mit einem Crop-Faktor von 1,6. Verwende ich dasselbe Objektiv, ergibt sich daraus: 200mm x 1,6 = 320mm.


 

Über Vollformat- oder kleinere Cropsensoren entscheiden die persönlichen Vorlieben.

  • Vollformat = schönes, weiches Bokeh (also ein unscharfer Hintergrund, der das Motiv optisch freistellt)
  • Crop = Brennweitenverlängerung für extreme Detailaufnahmen und entfernte Motive

Ich selbst fotografiere zwar mit einer Crop-Kamera, aber deswegen muss ich nicht auf einen schönen, unscharfen Hintergrund verzichten. Es ist nur nicht ganz so einfach.

In Verbindung mit einem Teleobjektiv oder einem sehr lichtstarken Objektiv kriege ich auch ein schönes Bokeh hin. Und je weiter ein störender Hintergrund vom Motiv entfernt ist, umso einfacher funktioniert das Freistellen… auch mit einer Crop-Kamera.

Ich muss aber auch erwähnen, dass ein schönes Bokeh immer schwerer gelingt, je kleiner der Kamerasensor ist. Mit einer kleinen Kompaktkamera würde es mir persönlich keinen Spaß mehr machen, im Nahbereich zu fotografieren.

Welches Objektiv für die Nahbereichsfotografie

Das passende Objektiv für den Nahbereich ist ein Makroobjektiv? Nein, nicht zwangsläufig. Die Frage des Objektivs richtet sich in erster Linie nach der Entfernung zum Motiv.

Wie bereits erwähnt, findet man Orchideen meist in geschützten Bereichen, deren Wege man unter keinen Umständen verlassen darf. Stehen die Pflanzen in unmittelbarer Nähe der Wegbegrenzung oder muss eine größere Distanz überbrückt werden?

Ebenso ist es bei den Insekten. Kommt man nah an die Tiere heran, weil beispielsweise zwei Schmetterlinge gerade… naja, mit anderen Dingen beschäftigt sind oder führt eine Annäherung unausweichlich zur Flucht des Insekts?

Bei geringer Distanz: Makroobjektiv mit 90-105mm

Ist die Distanz zum Motiv eher gering, reicht meist ein klassisches Makroobjektiv mit 90-105mm aus. Damit sind ohne großen Aufwand sehr schöne Porträts möglich.

Perlmuttfalter
Ein Perlmuttfalter mit einem 100er-Makroobjektiv

Bei großer Distanz: „großes“ Makroobjektiv oder Teleobjektiv

Ist die Überbrückung größerer Distanzen nötig, kommen nur zwei Möglichkeiten in Betracht: ein Makroobjektiv mit sehr großer Brennweite oder ein Teleobjektiv.

Makroobjektive mit 150-200mm sind hervorragend für die Insektenfotografie geeignet und ermöglichen ein schönes Freistellen mit einem weichen Bokeh. Allerdings sind diese Objektive ziemlich teuer und ein Kauf lohnt sich eigentlich nur, wenn man die Nahbereichsfotografie ambitionierter betreibt.

Teleobjektive mit bis zu 600mm sind vor allem in Naturschutzgebieten mit Wegegebot von Vorteil, da auch weit entfernte Objekte „nah herangeholt werden können“. Zudem sind sie gut geeignet, um auch bei unschönem Hintergrund gute Ergebnisse zu erzielen. Diese Objektive sind aber sehr schwer, teuer und haben meist eine schlechte Naheinstellgrenze.

Kohlweißling
Kohlweißling bei 350mm

Welches Stativ für die Nahbereichsfotografie

Bei der Wahl des Stativs sollten keine Kompromisse eingegangen werden. Ein Billigkauf wird in den meisten Fällen zu Frustration durch verwackelte Bilder führen. Eine Kamera-Objektiv-Kombi kann unter Umständen schon mal 2-3 Kilo auf die Waage bringen und nicht jedes Stativ hält dieser Belastung problemlos stand.

Aus welchem Material das Stativ besteht, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks und des Preises. Es gibt in allen Materialausführungen geeignete und weniger geeignete Modelle. Wichtig ist ein sicherer Stand, eine akzeptable Arbeitshöhe (Bodennähe) und eine einfache Bedienbarkeit (Ausrichtung der Kamera). Ein paar Gimmicks wie

  • herausdrehbare Spicks (fester Stand auf jedem Untergrund)
  • umdrehbare Mittelsäule (Kamera kopfüber hängend anbringen, um noch bodennäher zu fotografieren)
  • moosgummiüberzogene Beine (angenehmer zu tragen bei kalten Temperaturen)

wären grundsätzlich von Vorteil, sind aber nicht unbedingt notwendig.

Frauenschuh mit knapper Schärfe
Gerade bei der Arbeit mit einer knappen Schärfeebene ist ein Stativ unverzichtbar.

Während des Workshops konnten wir das Rollei-Compact M5 Mini-Stativ ausprobieren. Es ist sehr kompakt und hat eine ideale Arbeitshöhe für die Fotografie von Orchideen, Insekten und anderen bodennahen Motiven: 16 – 47cm.

Wir waren davon so begeistert, dass wir es uns nach dem Workshop sofort kauften.

Zusätzliches Equipment für die Nahbereichsfotografie

Fernauslöser

Ich hatte meinen neu gekauften Fernauslöser daheim vergessen. Das zeigt vielleicht, dass es auch ohne geht.

Aber ich muss zugeben, dass es mit einem Fernauslöser einfacher gewesen wäre. So war ich auf Freihandfotografie und Selbstauslöser angewiesen. Beides hat besser funktioniert, als ich es erwartet hatte. Doch das ein oder andere verwackelte Bild wäre vermeidbar gewesen.

Winkelsucher

Einen Winkelsucher schiebt man über den normalen Sucher der Kamera und er ermöglicht es, von oben in den Sucher zu blicken. Das ist recht praktisch, wenn man bodennah arbeitet und sich nicht unbedingt in den Dreck legen möchte.

Ich lege mich zwar schon mal auf den Boden, aber prinzipiell bin ich eher ein „Verrenkungen-macher“. Wenn der Hintern der höchste Punkt ist, sieht das zwar echt blöd aus, aber das mit dem Fotografieren funktioniert ganz gut. Und es sieht ja niemand, wie das Bild entstanden ist… 🙂

Kniekissen

Das fällt definitiv nicht unter das übliche Fotoequipment, war bei dem Workshop aber sehr begehrt. Ständig hat mich einer der anderen Teilnehmer gefragt, ob er sich das Kissen ausleihen kann. Und wenn ich es verliehen hatte, wurde es mir nur sehr widerwillig zurückgegeben.

Bei der bodennahen Fotografie muss man zwangsläufig in die Knie gehen. Das wird mit der Zeit verdammt anstrengend und tut irgendwann höllisch weh. Einfacher ist es da, wenn man sich bequem hinknien kann und sich dabei nicht einmal übermäßig eindrecken muss.

Das gute Stück kostet ca. 2,- € und gibt es in jedem Gartencenter.

Erdspieß

Kennst du den Spruch: glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast? Ähnlich ist es mit der Nahbereichsfotografie. Während des Workshops wurde mir viel von meiner Leichtgläubigkeit geraubt und ich kam mir hinterher schon ein wenig naiv vor.

Viele der richtig guten Insektenfotografien sind fake. Da ich dir nicht all deinen Glauben nehmen möchte, werde ich nur auf die Anwendung des Erdspießes eingehen.

Kurz zu dessen Einsatz: wenn ein träges Tierchen in einer fotografisch nicht gerade idealen Umgebung sitzt, setzt man es einfach in eines hübschere Umgebung um. Geht nicht? Geht sehr wohl. Wie genau, erkläre ich im dritten Teil der Serie.

Heller Regenschirm

Ja, der gehört auch nicht gerade zur Standardausrüstung, kann aber recht hilfreich sein. Dabei tut es das billigste Model. Hauptsache, er ist weiß oder nur ganz leicht cremefarben und durchscheinend.

Was man damit macht? Nun, mit Regen hat es nichts zu tun. Aber man kann ihn wunderbar als Diffusor zweckentfremden und das Fotoobjekt beschatten. Auf diese Weise sorgt man für weiches, gleichmäßiges Licht. Der Regenschirm hat aber noch eine andere Funktion: Temperaturregulierung.

Mehr dazu in den folgenden Teilen der Serie.

Was man sonst noch bedenken sollte

Zeckenschutz

Ob man nun Orchideen oder Insekten fotografiert, in unseren Breiten muss man sich gegen Zecken schützen. Möchte man aber Schmetterlinge & Co. fotografieren, ist die Verwendung von Insektenspray kontraproduktiv, da es nicht zwischen Plagegeistern und Fotomotiven unterscheidet.

Ich habe bei diesem Workshop stattdessen die Socken über die Hose gezogen, damit die Zecken einen erheblich weiteren Weg bis zur Haut haben. Meine Hoffnung war, dass sie sich bei Bewegung abstreifen oder abfallen würden. Sieht natürlich ziemlich blöd aus.

Der Nachteil bei dieser Variante ist allerdings, dass man z. B. beim Fotografieren auf einer feuchten Wiese schnell nasse, kalte Füße bekommt. Denn die Feuchtigkeit zieht die Socken entlang bis zu den Zehen. Eine Alternative wäre daher eine Regenhose, die man beispielsweise mit einem Gummi fest um die Knöchel fixiert.

Beide Varianten bieten natürlich keinen perfekten Schutz. Wenn du noch eine andere Idee hast, hinterlasse doch bitte einen Kommentar.

Dass die Problematik aber nicht weit hergeholt ist, zeigt die Tatsache, dass ich am ersten Tag drei Zecken auf meiner Hose erwischt habe. Erfolgreich war zum Glück keine einzige.

Die idealen Rahmenbedingungen

Auf die idealen Rahmenbedingungen für die Nahbereichsfotografie werde ich in den beiden anderen Teilen der Serie eingehen. Hier werde ich dir erklären, was neben der richtigen Ausrüstung noch zu beachten ist, um die Voraussetzung für gute Bilder zu schaffen.

Sobald die anderen beiden Artikel veröffentlich sind, werde ich sie hier verlinken.

 


 

Informationen zu dem Workshop

Der 2,5 tägige Fotoworkshop „Insekten und Orchideen im Taubertal“ fand letztes Jahr im Mai in der Nähe von Lauda-Königshofen statt. Geleitet wurde der Workshop von dem Naturfotografen Stefan Imig, den Michael einmal im Rahmen eines Vortrags kennengelernt hatte.

Stefan hat eine sehr angenehme, unaufdringliche Art. Er erläuterte immer kurz und verständlich, worin die aktuelle Herausforderung lag und wie man die Sache angehen könnte. Dann tasteten wir uns selbst an das perfekte Bild heran. Stefan stand dabei immer für Fragen zur Verfügung, unterstützte uns in unserer eigenen Herangehensweise und gab hilfreiche Tipps.

Hier findest du seine aktuellen Workshops rund um die Naturfotografie.

 

Meine Empfehlung*

Rollei Compact M5 Mini-Stativ

Kompakt, stabil und mit einer guten Arbeitshöhe für die Nachbereichsfotografie in Bodennähe.

Arbeitshöhe: 16 – 47cm

Traglast: 3kg


Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Erfahrungsbericht, der auf meiner eigenen, ehrlichen Meinung beruht. Es bestanden keine bezahlten Kooperationen.

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