Nahbereichsfotografie – Teil 2 heimische Orchideen

Frauenschuh

Orchideen sind wunderschöne Pflanzen und wer bisher nur tropische Phalaenopsis & Co. kannte, ist vielleicht überrascht, dass wir sogar heimische Orchideen besitzen. Im zweiten Teil der Serie möchte ich pünktlich zum diesjährigen Saisonbeginn nicht nur erklären, wie man die seltenen Pflanzen am besten fotografiert, sondern auch einige Arten vorstellen.

Orchideen fotografieren

Alles, was ich dir hier erkläre, lässt sich natürlich auch auf andere Pflanzen und Situationen übertragen. Du musst also nicht unbedingt die nächstbeste Wiese nach Orchideen absuchen. Es kann auch ein hübsches Pflänzchen sein, das dir auf Reisen ins Auge fällt.

Vorbereitung ist alles

Pflanzenfotografie im Allgemeinen hat den Vorteil, dass du eine Fototour perfekt vorher planen kannst. Wenn du erst einmal recherchiert hast, wann eine bestimmte Art blüht und wo sie zu finden ist, musst du dir nur noch überlegen, wie du sie fotografieren möchtest.

Vorkommen unserer heimischen Orchideen

Unsere heimischen Orchideen sind ein Zeichen für einen naturnahen Lebensraum, von denen es inzwischen leider viel zu wenige gibt.

Man findet Orchideen in natürlichen Wäldern (vor allem in Buchenwäldern mit kalkhaltigem Boden), auf Trockenrasen, Feuchtwiesen und Flachmooren. Grundsätzlich kann man sie in ganz Deutschland finden, wobei ihre Zahl in Süd- und Mitteldeutschland etwas höher liegt.

Ich war überrascht, als ich letztes Jahr bei einem Waldspaziergang ein Weißes Waldvögelein am Wegesrand entdeckte. Der Wald vor meiner Haustüre wird teilweise sich selbst überlassen, aber als Urwald ähnlich würde ich ihn noch längst nicht bezeichnen. Aber offensichtlich ist man hier zumindest auf einem guten Weg.

Hier ein paar Beispiele, wo du Orchideen finden kannst:

Natur- und Kulturlehrpad Beckstein/Königshofen

Während unseres Fotoworkshops übernachteten wir in Beckstein und fotografierten zwei Mal auf dem Lehrpfad. Dort fanden wir im Mai einige Bocksriemenzungen, Bienen-Ragwurz und Helm-Knabenkraut. Auf dem Pfad gibt es kein Wegegebot. Man kommt also nah an die Orchideen heran.

Naturschutzgebiet „Höhfeldplatte und Scharlachberg“ bei Thüngersheim

Hier war ich bisher nur einmal und da war es schon zu spät für Orchideen. Aber die Infotafel am Beginn des Orchideenpfads sah sehr vielversprechend aus und das Naturschutzgebiet steht in diesem Frühjahr fest auf der to-do-Liste. Von April bis Juli verteilt blühen hier Waldvögelein, Ragwurz-Arten, Waldhyazinthen, Bocks-Riemenzungen und noch ein paar andere. Hier besteht Wegegebot, so dass man beim Fotografieren etwas eingeschränkter ist.

Naturschutzgebiet „Spitzenberg – Schießplatz Rothenstein – Borntal“ bei Rothenstein in Thüringen

Das Naturschutzgebiet kenne ich nur vom Hörensagen, es soll aber ein wahres Orchideenparadies sein. Auf dem ehemaligen, sowjetischen Truppenübungsplatz soll es größere Vorkommen von Waldhyazinthen, Frauenschuh, Knabenkrautarten, Ragwurze, Bocksriemenzunge und noch ein paar andere zu finden sein. Die NABU-Stiftung bietet auch geführte Orchideen-Wanderungen an.

Blüte Zweiblättrige Waldhyazinthe
Detail einer Zweiblättrigen Waldhyazinthe.

Location und Pflanzen

Die Location selbst und die Standorte der einzelnen Pflanzen solltest du dir vorher schon einmal genauer anschauen. Gerade bei den seltenen Orchideen muss man meist in Naturschutzgebieten oder auf Naturlehrpfaden mit Wegegebot fotografieren. Möchtest du besondere Lichtstimmungen einfangen, solltest du die nachfolgenden Faktoren vorher einplanen

  • Standorte der in Frage kommenden Pflanzen
  • die vorgegebene Wegführung, die in Naturschutzgebieten nicht verlassen werden darf
  • eventuelle Hindernisse wie beispielweise Büsche, störende Stängel und Halme
  • der gewünschte Stand der Sonne, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen
  • wie die Sonne wandert, um unterschiedliche Lichtstimmungen nutzen zu können

Nicht jede Pflanze wird sich für das Bild eignen, das du im Kopf hast. Und nicht jede Pflanze wird die gewünschte Entwicklungsphase haben. Manchmal braucht es vielleicht etwas Geduld, bis du die perfekten Bedingungen für ein Foto gefunden hast.

Die Situation vor Ort entscheidet auch über die Wahl des Objektivs. Weiter unten findest du hierzu eine kurze Zusammenfassung.

Tageszeit

Bei der Tageszeit empfehle ich morgens und abends, weil zu diesen Zeiten die besten Lichtstimmungen herrschen. Gerade in den frühen Morgenstunden kann man den Morgentau sehr schön in das Bild einbauen und auf diese Weise ganz besondere Stimmungen einfangen. Hierfür empfehle ich die Orchidee im Gegenlicht zu fotografieren, um die Tröpfchen in den ersten Sonnenstrahlen glitzern zu lassen.

Bocks-Riemenzunge im morgendlichen Gegenlicht.
Bocks-Riemenzunge im morgendlichen Gegenlicht.

Mittags sorgt die Sonne für hartes Licht, das kaum schöne Bilder möglich macht. Hier solltest du entweder den Schatten z. B. von Bäumen ausnutzen oder einen Diffusor verwenden (mehr dazu weiter unten).

Orchideenfotografie in der Praxis

Gleich vorweg: Regeln sind dazu da, sie zu brechen. Die hier beschriebenen Tipps entsprechen einer Kombination aus Lehrbuch und eigenen Vorlieben/Erfahrungen. Ich bin aber der Meinung, dass Kreativität dadurch entsteht, dass man sich nicht zu streng oder gar nicht an solche Vorgaben hält 😉

Kamera und Objektiv

Auf die richtige Wahl bei Kamera und Objektiv bin ich ja bereits beim ersten Teil der Serie eingegangen. Nur noch einmal kurz zusammengefasst:

  • Kamera
    Größe, Geschwindigkeit, Megapixel und Preis der Kamera sind nebensächlich. Du musst aber intuitiv damit arbeiten können und sie sollte eine gute interne Bildverarbeitung haben. Wichtig ist aber, dass du manuelle Einstellungen an der Kamera vornehmen kannst.
  • Objektiv
    Die Wahl des Objektivs hängt vor allem mit der Entfernung zur Orchidee und deren Hintergrund zusammen.
    Kurze Distanz – Makroobjektiv mit bis zu 105mm
    Weite Distanz – Makroobjektiv mit bis zu 200mm oder ein Teleobjektiv
    Je lichtstärker, umso ausgeprägter das Bokeh (unscharfer Hintergrund, der das Motiv optisch hervorhebt)
Detail einer Bocksriemenzunge
Detailaufnahme des chaotischen Blüten-Durcheinanders einer Bocks-Riemenzunge

Verwendung eines Stativs

Möchtest du ein Stativ verwenden, sollte es bodennahes Arbeiten erlauben. Siehe hierfür auch den ersten Artikel der Serie Fotoequipment.

Sollte es nicht möglich sein, das Stativ tief genug abzusenken, ist eine umdrehbare Mittelsäule von Vorteil. Hierbei wird die Mittelsäule „falschherum“ montiert und die Kamera von unten an das Stativ gehängt. Auf diese Weise ist es möglich, die Kamera knapp über dem Boden stabil zu fixieren. Dann nimmst du die Bilder zwar verkehrtherum auf, aber das lässt sich am Computer leicht um 180° drehen.

Ein sehr schönes und praktisches Stativ für diesen Anwendungsbereich ist das Rollei Conpact M5 Mini-Stativ. Wir konnten es während des Workshops ausprobieren und haben es anschließend sofort gekauft.

Wichtig: schalte den Stabilisator aus, wenn du mit einem Stativ fotografierst. Sonst bekommst du trotz Stativ verwackelte Bilder. Und vergesse nicht, den Stabi anschließend wieder einzuschalten.

Verwendung eines Diffusors

Im ersten Teil der Serie „Fotoequipment“ habe ich bereits erwähnt, dass man einen weißen Regenschirm zu einem Diffusor umfunktionieren kann. Voraussetzung für die Anwendung ist allerdings, dass man sich auf einer frei zugänglichen Wiese und nicht in einem Naturschutzgebiet befindet.

Zur Anwendung: du spannst den Schirm auf und stellst ihn so neben die Pflanze, dass er die Orchidee beschattet, aber trotzdem nicht beim Fotografieren stört. Auf diese Weise verhinderst du harte Schatten und bekommst ein Foto mit einer gleichmäßigen, weichen Ausleuchtung und schönen Farben.

Am frühen Morgen kannst du auf diese Weise auch verhindern, dass die dekorativen Tautropfen zu schnell verdunsten.

Bildaufbau

Auf Augenhöhe begegnen

Um die Orchideen nicht „von oben herab“ zu betrachten und zwangsläufig die nähere Umgebung der Pflanze scharf abzulichten, solltest du einen tiefen Stand wählen und der Pflanze auf Augenhöhe begegnen.

Wenn die Kamera parallel zum Boden ausgerichtet ist, kannst du mit der Umgebung der Orchidee arbeiten und die umstehenden Pflanzen besser im Hintergrund verschwimmen lassen. Befindest du dich auf einer frei zugänglichen Wiese, kannst du einzelne, störende Stängel im Vordergrund entfernen (einzelne, nicht büschelweise!) und auf diese Weise ein schönes Bokeh um die Orchidee herum zaubern.

Nicht mittig positionieren und mit der Blickrichtung arbeiten

Gefällt dir der Bildaufbau von biometrischen Passbildern? Das Hauptmotiv sitzt mittig im Bild und das Foto erzeugt keine Dynamik, die den Betrachter fesselt.

Deshalb achte beim Aufbau des Bildes immer darauf, dass du die Orchidee nicht mittig positionierst. Stattdessen solltest du mit der Blickrichtung der Pflanze arbeiten. Das klingt zunächst komisch, aber die meisten Dinge, die wir fotografieren, habe eine Blickrichtung.

Um beim Beispiel der Orchideen zu bleiben: der Frauenschuh ist leicht seitlich fotografiert. Bitte fahre mit der Maus über die Bilder und beachte die jeweilige Bildbeschreibung.

Auf das Wesentliche reduzieren

Um der Orchidee im Bild die Beachtung zu schenken, die sie verdient hat, solltest du das Hauptaugenmerk nur auf die Pflanze legen. Die umgebenden Statisten beziehst du dabei entweder gar nicht ins Bild ein oder du lässt sie im Bokeh verschwimmen. Für die zweite Variante müssen die Pflanzen um die Orchidee herum entweder weit genug entfernt sein oder du musst mit Offenblende und einer knappen Schärfeebene arbeiten. Achtung: je knapper die Schärfeebene, umso sinnvoller wird ein Stativ.

Frauenschuh mit knapper Schärfe
Im Nahbereich mit Offenblende zu Fotografieren heißt, dass jedes kleinste Wackeln große Auswirkungen hat. Ohne ein Stativ wäre diese eher ungewöhnliche Aufnahme eines Frauenschuhs im abendlichen Schatten des Waldes nicht möglich gewesen.

Bildränder „vernebeln“

Du hast die Orchidee auf Augenhöhe und gemäß ihrer Blickrichtung im Bild positioniert, der Hintergrund verschwimmt in einem weichen Bokeh… das Bild könnte perfekt sein, wenn der Stängel der Orchidee nicht so hart am Bildrand enden würde. Aber irgendwo muss er ja enden!

Er könnte aber auch weich im Nebel verschwimmen, das Bokeh würde sich rund um die Orchidee schließen und das Hauptaugenmerk klar auf die schöne Pflanze richten. Doch wie bekommst du Unschärfe hin, wo eigentlich keine sein kann?

  • Entweder durch einen nahen Vordergrund wie Grashalme, die in das Bild integriert werden
  • Oder ein bisschen Grünzeug, das du vor die Kamera hältst (damit ist man flexibler)

Wenn du auf die Orchidee scharfstellst und etwas befindet sich am Bildrand nahe an der Frontlinse deiner Kamera, ist es unscharf. So weit ist das einleuchtend, oder?

Blickst du also durch die Kamera und hält das Grünzeug (ein paar Blätter oder Gräser) vor die Frontlinse, entsteht im Bild ein unscharfer „Nebel“. Diesen „Nebel“ musst du jetzt nur noch so ausrichten, dass er den Stängel der Orchidee überdeckt.

Mit dieser Technik muss man ein bisschen herumprobieren, bis es passt. Ich habe mich da anfangs ziemlich hoffnungslos angestellt. Doch irgendwann hatte ich den Dreh raus.

Knabenkraut

Ungebetene Statisten entfernen

Meist sieht man sie erst auf einem großen Bildschirm, doch dann ist es zu spät: ungebetene Statisten, die sich in das Bild geschummelt haben. Auf diesem Bild sitzt irgendein Krabbeltier auf dem rechten Außenblatt des Frauenschuhs.

Insekt auf Frauenschuh

Um zu Hause keine bösen Überraschungen zu erleben, solltest du eine Orchidee immer erst einmal nach kleinen Krabblern absuchen und sie entfernen. Denn auf deinem Foto können die Tierchen unter Umständen zu störenden Giganten werden.

Ein paar heimische Orchideen

Bocks-Riemenzunge

ocks-Riemenzunge vor Sonnenaufgang
Mein Liebling unter den heimischen Orchideen: die Bocks-Riemenzunge. Dieses noch kleine Exemplar habe ich auf einer taubedeckten Wiese kurz vor Sonnenaufgang aufgenommen

Die Bocks-Riemenzunge ist mein persönliche Highlight unter den heimischen Orchideen. Ein paar Exemplare überragten die Wiese um gute 30 Zentimeter und ich war erstaunt, dass ich diese große Pflanze noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich sie tatsächlich noch nie gesehen habe. Denn die Pflanze gilt als gefährdet und steht daher unter Schutz.

Die Bocks-Riemenzunge kann bis zu 100 Einzelblüten mit langen, gedrehten Zungen haben, so dass sie unordentlich und chaotisch aussieht. Das ist aber auch der Grund, warum ich sie unheimlich interessant finde.

Blüte: Mai bis Juni

Hummel-Ragwurz, Spinnen-Ragwurz, Fliegen-Ragwurz

Von den Ragwurzen gibt es eine ganze Menge Arten und gerade bei der Hummel-Ragwurz bin ich mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht eine Bienen-Ragwurz ist. Angeblich können die Orchideen bis zu 40 Zentimeter groß werden, aber unsere Exemplare ragten bestenfalls 15 Zentimeter über den Boden. Daher bedarf es eines geschulten Auges, die kleinen Pflänzchen zu finden.

Blüte: April bis Juni

Gelber Frauenschuh

Frauenschuh
Ein Gelber Frauenschuh in einem lichten Waldstück.

Der Frauenschuh gehört zu den besonders begehrten Fotomotiven unter den heimischen Orchideen. Allerdings ist er so stark gefährdet, dass er auf der Roten Liste steht und streng geschützt ist. Entsprechend schwer ist der Frauenschuh zu finden. Um die Pflanze bestmöglich zu schützen, geben viele Fotografen daher die Standorte der Orchideen nicht preis. Ich werde mich dem Vorbild anschließen.

Blüte: Mai bis Juni

Knabenkraut

Wie bei den Ragwurzen gibt es auch vom Knabenkraut viele verschiedene Arten. Es sticht mit seiner Größe aus der Wiese heraus, wobei die entdeckten Exemplare deutlich unter den angeblich möglichen 80 Zentimetern lagen. Auch das Knabenkraut gilt als gefährdet.

Blüte: Mai bis Juni

Waldhyazinthe

Waldhyazinthe
Eine Zweiblättrige Waldhyazinthe, die ich ohne professionelle Anleitung nie entdeckt hätte.

Die Waldhyazinthe ist vermutlich die unauffälligste unserer heimischen Orchideen. Sie kann zwar bis zu 60 Zentimeter groß werden, doch mit ihrem schlanken Wuchs und ihrer dezenten Färbung fällt sie fast nicht auf. Wie es sich für eine Orchidee gehört, steht auch die Waldhyazinthe unter strengem Schutz.

Blüte: Juni bis August

 

Hast du auch ein paar hilfreiche Tipps zum Thema Pflanzenfotografie? Dann hinterlasse bitte einen Kommentar 🙂

 

Übersicht meiner Empfehlungen*:

Rollei Compact M5 Mini-Stativ

Kompakt, stabil und mit einer guten Arbeitshöhe für die Nachbereichsfotografie in Bodennähe.
Arbeitshöhe: 16 – 47cm
Traglast: 3kg

 


Offenlegung,… denn dein Vertrauen ist mir wichtig

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Erfahrungsbericht, der auf meiner eigenen, ehrlichen Meinung beruht. Es bestanden keine bezahlten Kooperationen.

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